Warum der Badenser kein Piefke ist
Bevor Sie gequält aufschreien: Ich weiß, dass es Badener heißt und nicht Badenser. Aber in dieser Folge meiner Sprachkolumne geht es um den so genannten Ethnophaulismus. Und deshalb müssen wir uns mit Badensern und Piefkes befassen.
Bevor wir die Herzlichkeiten zwischen den Volksgruppen beleuchten, sollten wir Klarheit schaffen. Was, bitte, ist Ethnophaulismus? Salopp formuliert: Wenn Deutsche die Italiener „Spaghetti“ oder „Itaker“ nennen und wir wiederum von Amerikanern als „Krauts“ und von Engländern als „hun“ (Hunnen) bezeichnet werden, dann handelt es sich um Ethnophaulismus. Dieses Fremdwort leitet sich ab von den altgriechischen Wörtern „ethnos“ (das Volk) und „phaulos“ (böse) und könnte mit „abwertende Fremdbezeichnung für eine Volksgruppe“ übersetzt werden.
Ob eine solche Fremdbezeichnung (welch ein fürchterliches Wort!) wirklich abwertend ist, hängt von den Umständen ab. Von der Zeit etwa, in der ein solches Wort gesprochen wird.
Die Einwohner von Baden als Badenser zu titulieren, hatte nicht immer einen kränkenden Unterton. Badenser ist vom lateinischen badensis abgeleitet und erregte bis ins 19. Jahrhundert keinen Anstoß. Selbst Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe sprach in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ von „Badensern“ – und niemand störte sich daran.
Das änderte sich erst nach der Auflösung des Großherzogtums Baden im Jahr 1918. Seither wollen die Einwohner von Baden als Badener bezeichnet werden. Diese sprachliche Feinheit beschäftigte 1954 sogar den baden-württembergischen Landtag. Nachdem ein Heilbronner Abgeordneter von „Badensern“ gesprochen hatte, konterte der nordbadische CDU-Abgeordnete Franz Gurk, er werde den Kollegen künftig einen „Heilbronnser“ nennen. Die ganze Tragweite erschließt sich jedoch nur denen, die des süddeutschen Idioms mächtig sind. Denn „Bronnser“ ist klanglich nahe dem schwäbischen „Brunzer“, dem Pinkler oder Pisser also.
Der Duden hält sich übrigens – wie so oft – fein heraus und gestattet beide Varianten: Badener und Badenser.
Und wie schlagen wir jetzt den Bogen zum Piefke?
In Deutschland wird „Piefke“ als Synonym für Prahler, für Wichtigtuer verwendet. Unsere österreichischen Nachbarn gehen noch weiter und stempeln damit die Deutschen ab. Unterschwellig schwingt mit: Das sind die großkotzigen Preußen.
Mit dem Bild des strammen, korrekten Preußen wurde der Name Piefke 1866 im deutschen Krieg verknüpft. Preußen schlug die Österreicher und feierte den Sieg mit einer großen Parade auf dem Marchfeld vor Wien, zu der auch der Königgrätzer Marsch gespielt wurde – eine Komposition des preußischen Militärmusikers Johann Gottfried Piefke. Die Wiener sollen das Ereignis mit dem Ruf „Die Piefkes kommen!“ kommentiert haben.
Im gespannt-herzlichen Verhältnis beider Nationen spielt der Piefke heute noch eine Rolle. Weshalb Anfang der 90-er Jahre zuerst im österreichischen, dann auch im deutschen Fernsehen „Die Piefke-Saga“ ausgestrahlt wurde, eine tragikomische Satire, die mit beißendem Sarkasmus die Eigenheiten deutscher Touristen entlarvt, aber auch die Österreicher nicht schont.
Und wie ist das mit den Boches, den Tschuschen, den Kaffern und den vielen anderen wenig schmeichelhaften Ethnophaulismen? Damit beschäftigt sich die nächste Sprach-Kolumne.
Bis dahin grüßt Sie herzlich Ihr Klaus Kresse
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