Warum Asterix nie „O je!“ sagt

Es gibt Anlässe, die müssen sogar in einer Sprach-Kolumne gewürdigt werden. Sie ahnen schon, wovon die Rede ist: vom 50. Geburtstag der Gallier Asterix und Obelix. Dieses Jubiläum gibt uns Gelegenheit, die Frage zu beantworten, warum Asterix niemals „O je!“ sagen würde.

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Um das zu verstehen, müssen wir jener legendären Dame gedenken, die Micky Maus & Co. ins Deutsche übertragen hat. Verneigen wir uns also posthum vor Dr. Erika Fuchs, die ihre Arbeit so qualifizierte: „Man kann gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen.“

Erika Fuchs hatte als erstes Mädchen ihrer Stadt ein Gymnasium besucht (wofür ein Stadtratsbeschluss notwendig war) und nach dem Abitur Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterliche Geschichte studiert. Akademisch gebildet ist auch Gudrun Penndorf, der wir die Übersetzung der ersten 29 Asterix-Bände zu verdanken haben. Sie hatte sich zur Dolmetscherin in Französisch und Italienisch (Fachgebiet Wirtschaft und Recht) ausbilden lassen und später noch Romanische Sprachwissenschaften studiert.

Und warum sagt Asterix niemals „O je“?

Gudrun Penndorf hat es in einem Interview verraten. „,O je‘“, sagte sie, „ist die Kurzform von ,O Jesus‘. Wie soll das gehen – 50 Jahre vor Christus?“ Solche Feinheit sieht nur, wer nicht einfach von Sprache 1 in Sprache 2 übersetzt, sondern auch in Geschichte zu Hause ist.

Ihre Klasse zeigt sich auch in dem wohl bekanntesten Asterix-Zitat. Was im französischen Original „Ils sont fous, ces romains“ heißt, hat sie nicht etwa mit „Diese Römer sind verrückt“ übersetzt. Sie prägte das ungleich plakativere „Die spinnen, die Römer!“.

Auch die von ihr kreierten Namen sind legendär. An Asterix und Obelix konnte sie nichts ändern. Aber alle anderen Namensübersetzungen verraten ihre Klasse. Gudrun Penndorf arbeitete nach einem ebenso simplen wie genialen Schema. Alle Namen von Galliern und Kelten enden auf -ix oder -ax. So erblickten etwa Seelax und Strammermax die Welt. Die Namen der Römer haben allesamt die Endbuchstaben -us. Also zum Beispiel Nixalsverdrus, Hochgenus und Ladenschlus. In „Obelix und Co. KG“ kommt ein ambulanter Händler ins Gallierdorf, der – jedem Franzosen geht sofort ein Licht auf – im Original „Uniprix“ heißt. Auf Deutsch wurde daraus „Quellnix“. Ein Name, der viel Weitblick verrät, wie wir heute wissen.

Und, „grübel“, „stöhn“, „seufz“, wo kommt das Lautmalerische in der Comic-Sprache her?

Darauf hat der große Wilhelm Busch das Urheberrecht. Als er beschreibt, wie eine Nippesfigur zu Boden fällt, dichtet Busch: „Ach! Die Venus ist perdü – Klickeradoms! – von Medici“.

Erika Fuchs, die Micky Maus und Donald Duck deutsch reden ließ, badete förmlich im Lautmalerischen. Man schließt am besten die Augen, um einzutauchen in die Welt der Geräusche. Jedes „schluck“, „stöhn“, „knarr“ und „klimper“ lässt uns mitfiebern. Das klappt sogar dann, wenn es sich um lautlose Vorgänge handelt, also bei „grübel“ oder „zitter“. Solche auf den Wortstamm verkürzten Verben werden von Kennern deshalb – sozusagen als Hommage an Erika Fuchs – auch Erikativ genannt.

Fast schon sprichwörtlich geworden ist die Formulierung, die Erika Fuchs dem spleenigen Erfinder Daniel Düsentrieb in den Mund gelegt hat: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör!“ Was nur wenige wissen: Dies ist keine Fuchs-Erfindung, sondern die gelungene Verwandlung der ersten Zeile des 1889 erschienen Ingenieurlieds von Heinrich Seidel: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwere …“ Eine glückliche Hand hat Dr. Erika Fuchs auch beim Rückgriff auf Schiller gehabt, dessen Rütlischwur sie zu dem gemeinsamen Versprechen von Tick, Trick und Track machte: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr“.

Als Erika Fuchs 2005 im Alter von 98 Jahren starb, war das deutsche Feuilleton voll von ehrenden Nachrufen. Man hatte begriffen, dass nicht alle Comics als Verdummungsliteratur abgetan werden dürfen. Unter der Zeile „Trauer in Entenhausen“ rühmte „Der Spiegel“ die Comic-Übersetzerin als „deutsche Stimme von Entenhausen“ und attestierte: „Ihre poetischen und überaus lebendigen Übertragungen Duckscher Sätze sind zum Kulturgut geworden.“

Erika Fuchs ist tot. Doch die sprachliche Eleganz von Gudrun Penndorf können Sie noch live erleben. Die Lehrbeauftragte für Romanische Philologie hat nach ihren Vorlesungen an der Uni München oft Sprechstunde. Gehen Sie mal hin. München. Ludwigstraße 25. Raum 109.

Viel Spaß dabei wünscht Ihnen Ihr Klaus Kresse

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Die Deutsch-Kolumne von Klaus Kresse

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