Von Idioten und Banausen

Nur wer die Geschichte kennt, kann unsere Welt verstehen. Was das mit Sprache zu tun hat? Viel. Sehr viel. Was sehen Sie, wenn Sie nachts bei klarem Himmel nach oben schauen? Richtig: die Milchstraße. Und warum heißt die so?

Flash ist Pflicht!

Jetzt müssen wir kurz ausholen und die griechische Mythologie bemühen. Da gibt es die Geschichte von Hermes, dem Götterboten. Der war die Frucht eines göttlichen Seitensprungs. Denn Göttervater Zeus, ein Mann lockeren Lebenswandels, hatte wieder einmal seine Frau Hera hintergangen und die Nymphe Maja geschwängert. Nun mögen Maitressen viel Spaß bereiten. Mütterliche Tugenden entdeckt man an ihnen eher selten. Weshalb sich Zeus nächtens seiner schlafenden Gattin näherte und ihr den hungrigen Säugling Hermes an die Brust legte. Hera erwachte, entdeckte den Betrug, stieß Zeus’ unehelichen Sohn wutentbrannt von sich – und verspritzte dabei ihre Muttermilch. Die ist seitdem als helles Band am Himmel sichtbar. Sagt die Sage.

Jetzt schließt sich der Kreis. Unsere Milchstraße ist bekanntlich eine Galaxis. Gala war das altgriechische Wort für Milch. Galaxia wurde ein der Göttin Cybele dargebrachter Milchbrei genannt. Und die Milchstraße bekam den Namen Galaxias.

Wenn wir gerade bei Hermes sind: Als Götterbote überbrachte er den Sterblichen die göttlichen Botschaften. Indem er sie zugleich übersetzte, also deutete, waren diese Botschaften keine drögen Mitteilungen. Die Einlassungen der Götter erforderten Einsicht und Verständnis. So bekam die Wissenschaft vom Erklären und Verstehen ihren Namen. Sie heißt Hermeneutik.
Gehen Sie doch einfach mal auf dem weiten Feld der Etymologie (von altgriechisch étymos, was „wahrhaftig“, „echt“ und „wirklich“ bedeutet) spazieren. Das ist richtig spannend. Denn Sie werden wunderbare Entdeckungen machen.
Sie werden zum Beispiel feststellen, dass es lange Zeit keine Schande war, ein Idiot zu sein. Auch dieses Wort haben wir den alten Griechen zu verdanken. Bei denen war der Idiot (von idiótes gleich „Privatperson“ und „Eigenart“) ein Mensch, der Privates nicht von Öffentlichem trennte. Erst in neuerer Zeit wurde Idiot zum Synonym von Depp oder Schwachkopf und damit zum Schimpfwort. Für Mediziner schließlich war der Idiot ein geistig behinderter Mensch. In diesem Sinn wird der Begriff inzwischen aber nicht mehr verwendet.
Noch ein Nachschlag?

Die Ampel leitet sich vom griechischen Wort amphoreús ab, womit ein Krug mit zwei Henkeln gemeint war. Hängematte kommt nicht von der hängenden Matte, sondern vom Indianerwort hamaka. Maulwurf hat nichts mit Maul zu tun, sondern mit Mull, im Mittelniederdeutschen ein lockerer Humusboden. Die Jacke hat ihren Ursprung im Arabischen (dschubba).
Und wenn Sie zum Schluss Ihren Handwerker Banause nennen, liegen Sie völlig richtig. Der bánausos war im alten Griechenland ein Kunsthandwerker.

Herzlichst

Ihr Klaus Kresse



Wolfgang Radeck schrieb am 24.07.2010 16:09

Lieber Herr Kresse,

man soll ja nicht allzu kleinlich sein, aber die "Maitresse" scheint mir doch eine Wortschöpfung des Verfassers zu sein.

 

Viele Grüße aus Willstätt

Wolfgang Radeck

Petra Keller schrieb am 03.08.2010 15:52

Lieber Herr Radeck,

 

vielen Dank für Ihren Kommentar. Laut Duden gibt es die Schreibweisen „Mätresse“ bzw. „Maîtresse“ (vom Französischen abgeleitet). Klaus Kresse hat die zweite Version gewählt, den Accent circonflexe aber wegen der Zeichenproblematik unterschlagen.

 

Viele Grüße

Petra Keller

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