Schluss mit der Gerechtigkeit
Wieder mal liegt ein Wahlkampf hinter uns. Und wieder mal wurden wir überschüttet mit Worthülsen. Nun darf uns das nicht wundern, denn Politiker jeglicher Couleur baden gern in der zu Schaum geschlagenen Sprache. Das ist nicht neu.
Hören Sie doch mal rein
Beginnen wir deshalb mit der harmlosen Variante, also mit der Tautologie. Wir alle erinnern uns an die Brüder und Schwestern im Osten, die in einem Staat namens DDR lebten. DDR steht für Deutsche Demokratische Republik. Demokratie leitet sich vom griechischen demos ab und bedeutet Volksherrschaft. Und die Republik? Hier ist die Quelle das lateinische res publica, was „öffentliche Angelegenheit“ heißt und für eine Staatsform steht, in der das Volk das Sagen hat. Anders formuliert: eine demokratische Republik ist als Wortgebilde ähnlich intelligent wie ein runder Kreis oder ein weißer Schimmel.
Nicht viel anders steht es um den Namen der altehrwürdigen Volkspartei SPD. „Sozial“ steht für „die Gesellschaft betreffend“ oder „auf das Wohl der Allgemeinheit bedacht“. Da ein Demokrat qua Definition ein Mensch ist, der den Willen der Mehrheit respektiert, und da Demokratie nichts anderes als Volksherrschaft bedeutet, wurde auch beim Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands doppelt gemoppelt. Schließlich ist schwer vorstellbar, dass die Volksherrschaft zum Ziel haben könnte, dem Volk zu schaden.
Ein komplettes Larifari ist schließlich die Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“, die uns allenthalben im politischen Leben begegnet. Das Schöne daran: Wir werden bei aller Unterschiedlichkeit der politischen Positionen niemanden finden, der sich die Ungerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hätte – schon gar nicht die soziale Ungerechtigkeit.
Was nun ist daran Unfug? Erstens: Gerechtigkeit ohne Bezug auf die Gesellschaft wäre Humbug. Folglich ist soziale Gerechtigkeit heiße Luft. Zweitens: Seit es Menschen gibt, ist es noch niemandem gelungen, Gerechtigkeit so zu definieren, dass sich eine brauchbare Lebenslehre daraus ableiten ließe. Logisch. Denn jeder versteht unter Gerechtigkeit etwas anderes. Der Hartz-IV-Empfänger will, dass den Besserverdienenden genommen werde. Und der Leistungsträger, egal ob Krankenschwester, Facharbeiter oder Manager, erwartet, dass ihm nicht zugunsten jener in die Tasche gegriffen wird, die es eher geruhsam angehen lassen.
Der österreichische Philosoph Ernst Topitsch zog deshalb den Schluss, dass wegen des inflationären Gebrauchs des Wortes Gerechtigkeit in allen Religionen, Weltanschauungen und politischen Richtungen nur eine Wortfassade übrig geblieben sei. Topitsch sagte, es sei eine „Tatsache, dass bestimmte sprachliche Formeln durch die Jahrhunderte als belangvolle Einsichten oder sogar als fundamentale Prinzipien des Seins, Erkennens und Wertens anerkannt wurden und es heute noch werden – ... gerade weil und insofern sie keinen, oder keinen näher angebbaren Sach- oder Normengehalt besitzen.“ Und der Staatsrechtler Hans Kelsen entzauberte den Begriff Gerechtigkeit gar so: „Die Bestimmung der absoluten Werte im allgemeinen und die Definition der Gerechtigkeit im besonderen, die auf diesem Wege erzielt werden, erweisen sich als völlig leere Formeln, durch die jede beliebige gesellschaftliche Ordnung als gerecht gerechtfertigt werden kann.“
Spätestens jetzt wird uns auch klar, dass die düstere Warnung vor dem „Sozialabbau“ oder – schlimmer noch – vor dem „sozialen Kahlschlag“ Sprachmüll ist. Denn nicht einmal der härteste Manchester-Kapitalist käme auf die Idee, die Gesellschaft zu dezimieren (Sozialabbau), geschweige denn mit der Machete unter den Menschen zu wüten (sozialer Kahlschlag).
Also, verehrte Politiker: Den Ball flach halten, weniger Blödsinn reden, nichts versprechen (Stichwort Gerechtigkeit), was man nicht halten kann, und vor dem Formulieren einfach mal nachdenken. Das Publikum ist klüger, als Sie denken.
Herzlichst Ihr Klaus Kresse
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