Nie wieder GRÜßE!

Klar und unwiderruflich: Sie werden von mir vielleicht GRÜSSE erhalten, aber bestimmt keine GRÜßE. Und sicher ahnen Sie schon, was ich damit bezwecke. Ich bekenne mich zu all denen, die das geliebte Dreierles-S retten wollen.

Und warum dann kein ß in GRÜßE? Weil das Dreierles-S der einzige Buchstabe im deutschen Alphabet ist, den es nur als Klein-, nicht aber als Großbuchstabe gibt. Weshalb die aktuellen Rechtschreibregeln verlangen, dass bei groß geschriebenen Wörtern das ß durch SS zu ersetzen ist.

Das hindert die zahllosen Sprach-Vergewaltiger aber nicht, uns täglich eine Horrorveranstaltung zu bieten. Eine Horrorveranstaltung, in der solche Scheusale auftauchen wie Herr GROßMANN, das MAß und die Farbe WEIß. Jeder von uns, der mit etwas Stilempfinden gesegnet ist, bekommt bei diesem Anblick hoch stehende Zähne.

Vielleicht sollten wir die Sprach-Vergewaltiger einfach ausweisen. In die Schweiz oder nach Liechtenstein zum Beispiel. Weil dort das ß abgeschafft ist, fänden sie in diesen Ländern keine Opfer mehr. Warum den Schweizern und Liechtensteinern das ß abhanden gekommen ist? Am plausibelsten ist diese Begründung: Dieses Buchstabenopfer war der Preis für die Technisierung des Schreibens. Schweizer Schreibmaschinen sind in dem mehrsprachigen Land mit einer Einheitstastatur ausgestattet, auf der die bei uns bekannten Tasten für ß und die großen Umlaute mit französischen Buchstaben (ç, à, è und é) belegt sind.

Um mitreden zu können, sollten wir einen Blick in die Geschichte wagen. Das ß (gesprochen: Eszett oder scharfes S) wird oft Straßen-S, Buckel-S, Rucksack-S oder eben Dreierles-S genannt und bereichert die deutsche Sprache seit Ende des 13. Jahrhunderts. Damals verschmolzen das heute nicht mehr vorkommende lange s und das kleine z zu einer Ligatur – dem ß. Von einer Ligatur wird in der Typografie dann gesprochen, wenn mindestens zwei Buchstaben zu einer optischen Einheit verschmelzen.

Wo und wie diese Ligatur zu verwenden ist, wurde immer wieder neu geregelt. So gab es unter anderem die Rechtschreibung nach Johann Christian August Heyse (von 1829 an) und die von 1901 an geltende Adelungsche s-Schreibung. Mit der Rechtschreibreform von 1996 werden viele Heyse-Schreibweisen zu neuem Leben erweckt. Seither heißt es nicht mehr Faß, sondern Fass. Aus Schloß wurde Schloss. Aber Maß blieb Maß.

Alles klar?

Dann gestatten Sie mir, dass ich zum Schluss wieder für etwas Verwirrung sorge. Wie Sie wissen, gibt es keine Regel ohne Ausnahme. Und deshalb gilt: Obwohl das ß in groß geschriebenen Wörtern grundsätzlich durch SS zu ersetzen ist, darf in Dokumenten ein Herr Große als GROßE auftauchen. Am 4. April 2008 wurde daher – angestoßen vom Deutschen Institut für Normung (DIN) – der internationale Schriftzeichen-Standard Unicode offiziell um die Großbuchstabenvariante des ß erweitert.

Aber Dokumente haben viel mit Bürokratie zu tun. Und die steht nicht gerade im Verdacht, schönes Deutsch zu produzieren.
Lassen wir es also dabei: Weiß bleibt WEISS. Und GRÜßE sind tabu.

Herzlichst Ihr Klaus Kresse

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Sprachsalat

Die Deutsch-Kolumne von Klaus Kresse

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