Mädchen ohne Abitur
Schrippe, Weck, Kipf, Brötchen. Wenn es ums Essen geht, bietet die deutsche Sprache eine bunte Palette regionaler Färbungen. Und wie ist das bei Restaurants und Gasthäusern?
Hören Sie doch mal rein
Die Namen vieler Traditionshäuser lassen sofort erkennen, wo in Deutschland man gerade unterwegs ist. Steht „Drei Könige“ oder „Zum goldenen Ochsen“ überm Eingang, sind wir mit großer Sicherheit im Süden. Heißt das Gasthaus aber „Dorfkrug“, befinden wir uns im nördlichen Teil der Republik.
Im Norden finden sich auch so verwegene Namen wie „Haus der Getreuen“ (ein empfehlenswertes Restaurant in Jever). Etwas so Hehres wäre im Süden schwer vorstellbar. Da wird eher schon mal die Grammatik vergewaltigt und ein Gasthaus „Zum Schwanen“ getauft.
Alles kein Zufall! Christliche Symbole wie die Heiligen drei Könige finden sich eher in katholischen Gegenden. Und im schwäbischen Rottweil beispielsweise ordnete der Stadtrat schon 1550 an, dass Wirthäuser mit Schildern zu kennzeichnen seien – aus deren Bildmotiven sich dann die Namen ergaben. Für die Zeichen (heute würden wir von Logos sprechen) gab es drei Quellen: Heraldik, Tierreich und Christentum.
Schon im Mittelalter waren Zweige, Kränze und Blattwerk die Zeichen für Gastlichkeit und Schankrecht. Woraus sich heute noch die Bezeichnung „Straußwirtschaft“ ableitet, womit jene Lokale gemeint sind, in denen Winzer eigenen Wein ausschenken dürfen.
Genau genommen geht dieser Brauch auf eine römische Tradition zurück, denn Kranz, Tanne und Strauß waren bereits in der Antike Symbole für Gastlichkeit. Alternativ benannten die Römer ihre Ausschankstätten nach Gerätschaften aus der Gastronomie (weshalb heute noch manches Gasthaus „Zum Fass“ oder „Zum Löffel“ heißt) oder aber nach Tieren, die den Speiseplan bereicherten: Hecht, Lamm.
Und heute? Selbst Gasthäuser sind inzwischen Objekte für Marketing und Markenbildung. Weshalb der Phantasie freier Lauf gelassen wird. Hauptsache, der Name ist originell, einprägsam und – so weit möglich – einzigartig.
So gibt es etwa den „Balazzo Brozzi“, die Kneipe „Stilbruch“, das Bistro „Wahnsinn“ und das Café „Größenwahn“. In Berlin Mitte können Sie im Wirtshaus „Zur letzten Instanz“ einkehren. „Schlenkerla“ heißt eine Brauereigaststätte in Bamberg. „O Salad Mio“ ist eine interessante Adresse in Washington. Wer nicht so weit reisen will, nächtigt im Basler „Casa O Sole Mio“, einem Hotel Garni.
Wer es noch ausgefallener mag, wird auch fündig. Zum Beispiel in der „Bar jeder Vernunft“, im „Kauf dich glücklich“ oder im Kreuzberger Restaurant „Mädchen ohne Abitur“.
Gute Einkehr wünscht Ihnen
Ihr Klaus Kresse
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