Hey du, sag Sie zu mir!
Ich weiß, Sie würden jetzt am liebsten einwerfen, du in der Anrede schreibe man groß. Einspruch! Denn der Duden erlaubt inzwischen beides: du und Du. Ganz nach Belieben. Die höfliche Großschreibung als einzig gültige Form ist Geschichte. Aber der Duden gestattet inzwischen ja vieles, was vor Jahren noch Schüttelfrost ausgelöst hätte. Etwa, dass nach dem Komparativ statt „als“ auch „wie“ stehen darf.
Hören Sie doch mal rein
Aber darum soll es in dieser Folge nicht gehen. Wir beschäftigen uns mit der Anrede.
Bis zum 9. Jahrhundert war alles ganz einfach. Man sagte Du. Doch plötzlich kam das Ihr hinzu. Denn hochgestellte Personen sollten nicht mehr kumpelhaft angesprochen werden, von gleich zu gleich sozusagen. Die Logik müssen Sie sich so vorstellen: Quantität soll Qualität ausdrücken. Nach dem Motto, mehrere seien mehr wert als einer. Deshalb wird der Höhergestellte angesprochen, als sei er eine Gruppe von Menschen. Etwas bizarr, meinen Sie? Im Französischen ist das heute noch so. Da steht „tu“ für die vertrauliche und „vous“ (also Ihr) für die förmliche Anrede.
Dieses Wir hält sich bis in unsere Zeit. Deutschlands letzter Kaiser Wilhelm II. drückte seine Macht durch diesen Pluralis majestatis aus. Und der Papst formuliert mit größter Selbstverständlichkeit: „Wir, Benedictus PP.XVI …“. Weshalb wir ihn – so uns eine Audienz gewährt würde – auch mit „Eure Heiligkeit“ ansprächen.
Mit der Anrede lässt sich aber nicht nur Achtung ausdrücken, sondern auch Überheblichkeit gegenüber Untergebenen. So wurde im 18. Jahrhundert der Diener gemahnt: „Bring er mir die Stiefel!“
Wie ist das heute?
Sagen wir mal so: Eigentlich gilt noch die Unterscheidung von vertraulicher Anrede mit Du und förmlicher Anrede mit Sie. So lange diese Unterscheidung beachtet wird, drückt das Sie auch Respekt vor dem Gegenüber aus, es ist eine höfliche Form. Wird eines Tages das Du angeboten, ist dies eine Auszeichnung. So gesehen, sollte das Du nicht inflatorisch verwendet werden. Denn ein geordnetes Zurück, etwa mit der Aufforderung „Hey du, sag Sie zu mir!“ ist schwer vorstellbar.
Aber wenn ich eigentlich sage, dann drückt sich darin schon aus, dass die Regeln mehr und mehr verwässern. War das kollektive Du ursprünglich dem Proletariat vorbehalten, wurde es bei Kommunisten und Sozialisten („Du Genosse!“) zur Standard-Anrede. In der SPD ist das heute noch so. Da duzen sich Parteifreunde, die sich am liebsten gegenseitig meucheln würden. Den 68-ern schließlich haben wir es zu verdanken, dass in WGs und Studentenheimen das Sie spurlos verschwunden ist. Und dass Berufsanfänger zuweilen ein Problem damit haben, ihre Chefs korrekt anzusprechen.
Auf diesen Umstand hingewiesen, kommt von den jungen Sie-Verächtern oft die Antwort: „Aber im Englischen klappt es ja auch ohne Sie – da wird immer nur you gesagt!“ Das ist leider nur halbrichtig. Der Respekt wird dort nur anders ausgedrückt. So zu Beispiel: „Yes, Sir!“
Herzlichst, Ihr Klaus Kresse
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Lieber Klaus,
habe soeben in der "galerie:ortenau" Deine Glosse zum Ge(Miß)brauch des Apostophs gelesen. Sehr treffend. Mein Herz als alter Deutschleher jubiliert. Bin mir aber der Vergeblichkeit Deiner Kritik sicher. Leider!
Meine Frau schlägt als Thema der nächsten Glosse vor: "herzlich Wilkommen", ein Thema der Groß-Kleinschreibung.
Herzlich Klaus