Gehen wir zur Leichenschau?
Spätestens seit der Fußball-WM im Jahr 2006 kennt jeder den Begriff „public viewing“. Und viele Fans sind sogar hingegangen – zur öffentlichen Ausstellung eines aufgebahrten Leichnams. Denn genau das bedeutet „public viewing“.
Hören Sie doch mal rein
Warum ich das Thema Denglisch noch einmal aufnehme? Weil mich nach der jüngsten Sprach-Kolumne viele Zuschriften erreicht haben. Ganz offensichtlich stören sich immer mehr Menschen an diesen Vergewaltigungen unserer Sprache.
Also bringen wir das Ganze noch einmal aufs Tapet: „public viewing“ ist kein lustiges Gruppen-Erlebnis vor der Großleinwand, sondern eher eine makabre Veranstaltung – das Ausstellen eines aufgebahrten Leichnams eben.
Das Dumme ist nur: Inzwischen werden viele denglische Begriffe schon so inflationär verwendet, dass es wohl verwegen wäre, auf ihr Verschwinden hoffen zu dürfen. Sprachliche Unsitten sind robust wie Unkraut.
Nehmen wir nur das nicht mehr zu tilgende Wort „Handy“. Im Englischen gibt es dieses Substantiv (Hauptwort) gar nicht. Handy ist im Englischen nur ein Adjektiv (Eigenschaftswort) mit vielen Bedeutungen – von griffbereit über handlich bis passend und praktisch. Als zusammengesetzten Begriff kennt man dann nur noch die „handy billy“. Das ist ein nautischer Terminus und steht für „Dördehand“ (kleiner Flaschenzug).
Vielleicht sollten wir an dieser Stelle einen Blick auf das Wort Denglisch werfen. Die Sprachwissenschaft spricht dabei von einem Kofferwort, das sich aus Deutsch und Englisch zusammensetzt. Mit Denglisch werden Formen des Deutschen bezeichnet, die in den zurückliegenden Jahrzehnten unter starkem Einfluss des Englischen bei uns entstanden sind.
Sprachpuristen graut es beim Denglischen. Warum muss es heißen „Der Flug wurde gecancelt“, wenn dafür auch „Der Flug wurde abgesagt“ stehen könnte. Computer-Programme lassen sich herunterladen und müssen nicht „downgeloadet“ oder „gedownloadet“ werden. Und die „stylische Hose“ wäre als „modische Hose“ nicht weniger attraktiv.
Auf solche sprachlichen Abwege war auch die DDR geraten, in der die angebliche Weltoffenheit dadurch dokumentiert wurde, dass Brathähnchen zu Broilern mutierten (von „to broil“ gleich „braten“).
Denglisch-Gefahr lauert sogar dort, wo wir sie gar nicht vermuten. Der „Smoking“ etwa, jener feine Anzug, mit dem sich Männer bei festlichen Anlässen schmücken, heißt im Englischen „dinner suit“. Wogegen das englische „smoking jacket“ nur eine bequeme Hausjacke ist. Alles klar? Dann verwirrt es Sie auch nicht, dass die US-Amerikaner zu unserem Smoking „tuxedo“ sagen.
Engländer und US-Amerikaner kennen auch keinen Showmaster (der heißt dort „host“), keine „Oldtimer“ (das sind „vintage cars“) und auch keine „Evergreens“, weil die „oldies“ heißen.
Und wie bezeichnen die Angelsachen nun ihr Handy? Briten nennen es „mobile phone“ oder einfach nur „mobile“. Amerikaner haben sich für „cellular phone“ entschieden. Oder, kürzer, für „cell phone“. Und in ganz großer Eile sogar nur für ein „cell“.
Und wo bleibt die gute Nachricht? Im angelsächsischen Sprachraum gibt es kein „Mobbing“ – das heißt dort „bullying“.
Herzlichst, Ihr Klaus Kresse
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