Zuerst das Wort, dann das Messer

Man kann nicht nicht kommunizieren. Sagte Paul Watzlawik. Hinzufügen sollten wir: Obwohl wir immer kommunizieren, werden wir nicht immer verstanden. Bestes Beispiel ist die Beziehung Arzt-Patient.

Flash ist Pflicht!

Der Psychoanalytiker und Kommunikationswissenschaftler Watzlawik, dem wir auch das lesenswerte Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ verdanken, hatte wunderbare Erklärungen parat. Sein „Wir-können-gar-nicht-nicht-kommunizieren“-Gedanke ist in der Wissenschaft als metakommunikatives Axiom bekannt. Die Probleme im Sprechzimmer des Arztes erklärte er so: „Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit (wie bei Arzt und Patient) beruht.“

Dass Patient und Arzt sich nicht verstehen, ist kein neues Phänomen. Schon Hippokrates, der griechische Urahn aller Mediziner, mahnte vor rund 2400 Jahren seine Kollegen: „Zuerst das Wort, dann die Arznei, dann das Messer!“ Aufs Heute übertragen bedeutet das: Ärzte sind nur dann richtig gut, wenn sie die Wirkung eines Placebos haben. Wenn also allein schon ihre Aufmerksamkeit und das, was sie sagen, Heilung bewirkt.

Genau das aber ist den wenigsten Ärzten in die Wiege gelegt. Wichtiger Bestandteil ihrer Ausbildung ist es ebenfalls nicht. Und für die inzwischen umfänglichen Bibliotheken zu diesem Thema fehlt ihnen wohl die Zeit.

Deshalb die Sprachlosigkeit in deutschen Sprechzimmern. Deshalb das Nichtverstehen.

Dies beginnt schon bei den Fachbegriffen. Wer einen aktiven Wortschatz von etwa 5000 Wörtern beherrscht, gehört bereits ins gesellschaftliche Oberhaus. Viele Menschen sind schon mit 1000 Wörtern überfordert. Kommt ein junger Arzt von der Uni, ist er – über seinen umgangssprachlichen Wortschatz hinaus – aufgeladen mit rund 15000 Fachbegriffen. Und die will er loswerden. Im günstigsten Fall, weil er über die Wirkung nicht nachdenkt. Im worst case, weil für ihn im Arzt-Patienten-Verhältnis die Regel gilt: Ober sticht Unter. Womit wir wieder bei Watzlawiks komplementärer Kommunikation wären.

Auch der ständige Zeitdruck verschärft die Probleme im Sprechzimmer. Wer professionell schreibt und redet, kennt das Problem: Nichts ist schwieriger, als sich kurz zu fassen.

Rein statistisch dauert eine Konsultation beim Arzt durchschnittlich 7,6 Minuten, hat die „Münchener Medizinische Wochenschrift“ vermeldet. In dieser kurzen Zeitspanne kommt der Patient gerade mal zwei Minuten zu Wort. Ergebnis: Er tut sich schwer, sein gesundheitliches Problem in Worte zu fassen. Und der Arzt kann oder will nicht auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren. Was den Salzburger Herzchirurgen Professor Felix Unger fordern lässt: „Das Gespräch zwischen Arzt und Patient muss neu formiert werden.“

Gut gesagt. Nur: Wer muss jetzt was ändern?

Wohl niemand wird ernsthaft erwarten, dass alle Patienten die „Terminologia Anatomica“ auswendig lernen. Hyperthermie, Ikterus und Tremor werden ihnen auch künftig nicht so leicht über die Lippen (und ins Ohr) gehen wie Fieber, Gelbsucht und Zittern.

Weshalb es nicht verwundern kann, was das Sprachwissenschaftliche Institut der Uni Hamburg vor 20 Jahren schon herausgefunden hat: Mehr als drei Viertel aller Patienten empfinden die Gespräche mit ihrem Arzt als unbefriedigend. Und warum? Weil 91 Prozent der Unzufriedenen sagen, ihr Arzt rede zu wenig mit ihnen. 89 Prozent beklagen, der Arzt höre nicht zu. Und 87 Prozent meinen, er verwende zu viele Fachausdrücke und erkläre zu wenig.

Der Münchner Allgemeinmediziner Professor Helmut Pillau hat dafür ein Beispiel: „Ein Patient berichtete nach einem Krankenhausaufenthalt, er sei froh. Er habe befürchtet, Krebs zu haben. Doch Gott sei Dank ist es nur ein Karzinom.“

Termini nicht zu verstehen, ist ein Problem. Wörter je nach Umfeld nicht richtig interpretieren zu können ein anderes. Auch hier ein Beispiel: Wird in der Umgangssprache etwas als positiv bezeichnet, ist es etwas Gutes. Ganz anders in der Medizin. Hier ist ein negativer Befund gut, weil er bedeutet, dass nichts Schlimmes vorliegt.

Folglich werden wohl die Ärzte an ihrer Sprache arbeiten müssen. Schließlich sind die Patientin ihre Kunden. Vielleicht holen sich die Mediziner eine Anleihe bei Konfuzius. Der sagte: „Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist.“

Herzlichst

Ihr Klaus Kresse

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