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24. Januar 2012

Sprachsalat 47. Folge: von echten und falschen Aktivisten

Was, bitte, haben Attac, Stuttgart 21, Greenpeace, der Nationalsozialismus und die DDR miteinander zu tun? Zugegeben, das ist eine schwierige Frage. Und Sie sollten sich auch nicht den Kopf zermartern, denn die Antwort würde Ihnen vermutlich nicht einmal im Traum einfallen. Sie heißt: Aktivist.


Sprachsalat 47. Folge: Von echten und falschen Aktivisten

Sprachsalat 47. Folge: Von echten und falschen Aktivisten

Der Aktivist als Einzelperson wie als Gattung ist das Bindeglied zwischen diesen höchst unterschiedlichen Welten.

Da das Verbum Aktivist vom lateinischen activus abgeleitet ist, was so viel wie „tätig“ oder „aktiv“ bedeutet, ist natürlich jeder ein Aktivist, der morgens zur Arbeit geht, am Samstag den Rasen mäht, an verregneten Tagen den Keller aufräumt, auf dem Mountain-Bike über die Berge brettert oder bei Kerzenlicht seine Briefmarkensammlung ordnet.

Aber so ist es natürlich nicht gemeint, wenn in der „Tagesschau“ oder in den Radionachrichten von „Umwelt-Aktivisten“ oder „Anti-Stuttgart21-Aktivisten“ die Rede ist. An dieser Stelle müssen wir den Philosophen Karl Popper ins Spiel bringen, der tiefer in die Materie eingedrungen ist und Aktivismus als „die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens“ definiert hat. Logisch, dass es dazu auch einen Gegenbegriff gibt: den Attentismus – wenn man so will, das abwartende Hinnehmen. So gesehen wäre in den Augen überzeugter Umwelt-Aktivisten der Attentist ein Laschi, der Däumchen drehend aus dem Lehnstuhl verfolgt, wie die Welt vor die Hunde geht.

Eigentlich könnten wir es bei der von Popper geprägten Bedeutung des Wortes Aktivist belassen. Aber eben nur eigentlich.

So müssen wir uns in diesem Zusammenhang zwingend mit einem Herrn namens Adolf Hennecke beschäftigten. Der war Bergmann und wurde in der Sowjet-Zone wie in der späteren DDR als Bilderbuch-Aktivist gefeiert. Aber nicht etwa, weil er für den Umweltschutz gekämpft hätte – ganz im Gegenteil. Hennecke hatte sich im Karl-Liebknecht-Schacht so gewaltig ins Zeug gelegt, dass er am 13. Oktober 1948 statt der als Hauer-Norm vorgesehenen 6,3 Kubikmeter Kohle gleich ein Vielfaches förderte – nämlich 24,4 Kubikmeter. Hennecke übertraf die Norm also um 287 Prozent. Weshalb die Staatspartei SED den 13. Oktober zum „Jahrestag der bahnbrechenden Tat Adolf Henneckes“ erhob und in der DDR als „Tag der Aktivisten“ feiern ließ.

Diese Konnotation dürfte den Attac/Greenpeace/Stuttgart21-Aktivisten wenig zusagen. Und noch weniger kann es ihnen gefallen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Aktivist auch in der Kontrollratsdirektive Nr. 38 der Besatzungsmächte auftauchte. In dieser Direktive werden die NS-belasteten Personen unter anderem in „Hauptschuldige“ und in „Belastete“ aufgeteilt. Und zur Gruppe der „Belasteten“ gehörten die „Aktivisten“. Das waren Nazis, die der Direktive zufolge unter anderem „den Frieden der Welt gefährdet haben oder … noch gefährden“.

Wir dürfen bezweifeln, dass sich unsere friedensbewegten Öko- und Anti-Atom-Aktivisten in dieser Ecke verortet sehen möchten.

Deshalb wäre es zuweilen von Vorteil, würde man nicht gedankenlos mit Begriffen operieren. Was nach Engagement und Dynamik klingen soll, erweist sich bei einem kurzen Blick zurück als – vorsichtig formuliert – nicht unproblematisch. Mit dem DDR-Vorzeige-Bergmann in Verbindung gebracht zu werden, mag ja mancher noch als schmückend empfinden. In die Nähe von Nazis gerückt zu werden, dagegen sicher nicht.

Trotz allem mit herzlichen Grüßen

Ihr Klaus Kresse

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